Experimentell ist definitiv ein Thema, wenn es darum geht den Interpretationsspielraum der Betrachter von Fotografien zu erweitern. Doch das ist nicht erst seit einigen Jahren so, sondern offenbarte den Ursprung bereits nach dem zweiten Weltkrieg: Die experimentelle Fotografie war geboren und mit ihr eröffneten sich künstlerische Freiheiten, welche ihre Reinkarnation mit den heutigen Filtern und digitalen Bildbearbeitungsprogrammen unter anderem in der Hochzeitsfotografie erlebt.

Fotokunst experimentelle Fotografie

Definition: Was ist experimentelle Fotografie?

Die Experimentelle Fotografie definiert einen Teil im Rahmen der künstlerischen Fotografie. Folgende Attribute werden damit betont:

  • spielerisch
  • abstrahierend
  • experimentell

Es ist nicht das Anliegen der experimentellen Fotokunst, Dokumentation und Realität abzubilden, wie es im Rahmen der klassischen Fotografie verfolgt wird. Die Ziele werden dahingehend verfolgt, fotografische Möglichkeiten zu erforschen. Außerdem bedeutet experimentell in diesem Zusammenhang, das Zusammenspiel aus Verschlusszeit, Licht und Blende wirken zu lassen. Dies kann entweder durch die absichtliche Bewegung der Kamera, durch Verfremdung im Labor oder durch die Bearbeitung mit gängigen Bildbearbeitungsprogrammen am PC umgesetzt werden. Der experimentell agierende Fotograf ist ambitioniert Neues, Überraschendes und Unerwartetes zu kreieren beziehungsweise zu schaffen.

Geschichte der experimentellen Fotografie

Die Experimentelle Fotografie basiert auf Vorbildern, welche sich über Fotomontagen und Fotoprogramme definieren. Deren Entstehung ist bereits in die Frühzeit der Fotokunst zurückzuführen. Hier können auch die experimentellen Bewegungsstudien zugerechnet werden, welche Eadweard Muybridge umgesetzt hat. Den Durchbruch erzielte die Fotografie auf experimenteller Ebene durch Rayogramme und Schadographien in den 1920er Jahren. Auch die Fotomontagen und Collagen der Surrealisten und Dadaisten haben ihren Teil dazu beigetragen. Der Künstler Man Ray gilt als einer der wichtigsten Vertreter der frühen Entwicklung experimenteller Fotografien.

Experimentelle Fotografie nach dem zweiten Weltkrieg

Nach 1945 wurde Genres durch einige Vertreter der subjektiven Fotografie belebt. Aber auch die chemischen Möglichkeiten welche die Farbfotografie bereithielt, sowie die damit einhergehenden verbesserten Techniken nahmen ihren bedeutenden Einfluss. Die Grenze zwischen der Malerei und der Fotografie konnte final im selben Zeitraum geschlossen werden. Dies gelang Josef H. Neumann, dem Erfinder des Chemogramms. Doch die Verbreitung dieser Innovation wurde letztendlich durch Pierre Cordier ins Leben gerufen.

Stilrichtungen der experimentellen Fotografie

Wirft man einen Blick auf die Strömungen der experimentellen Fotokunst, kristallisieren sich folgende Stilrichtungen heraus:

  • Subjektive Fotografie
  • Dadaismus
  • Surrealismus
  • Pop Art
  • Zeitgenössische Kunst

Die Subjektive Fotografie als wichtigste Strömung der experimentellen Fotokunst. Diese Stilrichtung wurde von Otto Steinert begründet. Dies geschah zu Beginn der 1950er Jahre. Die Definition verwies schon damals ausdrücklich auf eine Form der künstlerischen Fotokunst, bei der es darum geht auf die Wiedergabe objektiver Wirklichkeit zu verzichten und sich experimentell auszutoben. Stattdessen wird der Fokus auf die bildhafte Deutung gelegt, welche ihrem Betrachter subjektiven Interpretationsspielraum ermöglicht, wofür es ein gewisses Maß an Fantasie bedarf. Im Rahmen der subjektiven Fotokunst werden primär Schwarz-Weiß-Aufnahmen kreiert. Diese drücken sich in der Regel in graphischen Strukturen, abstrakten Formen und Linien von Licht und Schatten aus. Es gibt jedoch noch weitere Merkmale:

  • Surreal wirkende Situationen
  • Radikale Ausschnitte
  • Kontrastreiche Abzüge
  • Solarisationen
  • Negativabzüge

Dank der subjektiven Fotografie erlangte die Fotografie in ihrer Gesamtheit nach dem zweiten Weltkrieg künstlerische Legitimationen in größeren Dimensionen. Diese galten im Vorfeld aufgrund von dokumentarischer und Life-Fotografie als fast eliminiert. Die erste Ausstellung zum Thema subjektive Fotokunstwurde im Jahr 1951 von der Gruppe „fotoform“ ins Leben gerufen. Austragungsort war die Stadt Saarbrücken, von wo aus die Stilrichtung internationalen Anklang fand und das Interesse eines breiten Publikums wecken konnte.

Würde der Fotograf das Ergebnis der Fotokunst allein dem Wirken von Chemie und Licht überlassen, könnte man von einem getreuen Abbild der Natur sprechen. Doch das Verstellen des Objektivs und die gewählte Blende gelten bereits im Vorfeld als subjektive Eingriffe. Das hält viele Fotografen jedoch nicht davon ab, die reale Abbildung in ihren Fotos zu bewirken. Die experimentelle Fotokunst verlangt dem Fotografen nicht nur schöpferische Fantasie, sondern auch jede Menge Kreativität ab. Diese Form verwandelt sich dort in Kunst, wo der Künstler das Stadium der Experimente verlässt, da er sein gestalterisches Ziel auf souveräner Eben erreicht hat. Die chemischen und technischen Mittel, welche ihm zur Verfügung stehen, ermöglichen ein kreatives und freies Arbeiten, welches absolut nichts dem Zufall überlässt. Die geschichtlichen Vorbilder definieren sich über Fotomontagen, welche keine ernsthafte Absicht verfolgten und eher spielerisch angelegt wurden. Der Bereich samt seiner Seitentriebe welche sich bis in die Tiefen der technisch-wissenschaftlichen Fotokunst erstrecken, hat inzwischen so vielfältige Formen angenommen, dass sich lediglich die wichtigsten Verfahren aufführen lassen. Die Qualität von modernen Schwarz-Weiß- und Farbfilmen erlauben es dem Fotografen bereits im Rahmen der Aufnahme für beabsichtigt veränderte Motive zu sorgen. Dazu gehören:

  • Doppel- und Mehrfachbelichtungen
  • Sandwich-Verfahren
  • Farbverändernde Infrarotfilme

Die Verwendung von verschiedenen Filtern (Kontrast, Farbe und Trick) ermöglicht das freie Experimentieren mit Farben und Formen, welches in Zusammenspiel mit den unterschiedlichsten Filmen und Objektiven stattfindet. In der selben Weise bieten sich aktuelle Vergrößerungs- und Labortechniken an, wenn es darum geht Aufnahmen zu manipulieren. Zu den aktuellen Verfahren gehören:

  • Die Äquidensiten-Technik
  • Lichtmontagen
  • Tontrennungsmöglichkeiten
  • Mischoption
  • Kopierverfahren

Wie gestalten sich die Ergebnisse bekannter Künstler im Detail?

Der Fotograf Frank Machalowski hat sich beispielsweise auf Kundgebungen, Veranstaltungen, Straßen und öffentliche Plätze fokussiert. Die Kulissen werden mit analoger Technik auf Schwarz-Weiß-Filmen realisiert. Eine extrem lange Belichtungszeit welche sich über mehrere Sekunden erstreckt, sorgt für den blickfangenden Verfremdungseffekt, welcher sich weit vom Normalen und Alltäglichen distanziert.

Wie lässt sich diese Inszenierung in Worte fassen?

Schemenhafte Phalanxen und tentakelbewährte Lindwürmer: diese Attribute schildern nicht nur die optische Wahrnehmung, sie schieben sich im Rahmen der Interpretationsfreiheit geblendet ineinander, während sich Passanten in scheinbar endlosen Reihen an den monolithischen Strukturen von Großstädten vorbeischleichen. Der Mob hat es sich zum Ziel gesetzt, die Eingänge riesiger Konsumzentren zu verstopfen, ganze Rollfelder zu fluten, um sich wie Insektenschwärme von den vordefinierten oder auch eingebildeten Lichtquellen anziehen zu lassen. Zum Teil korreliert die Gleichförmigkeit auf Formationsebene, um schöpferische Architektur zu untermauern. Im Gleichschritt marschieren die Geisterhorden an den überdauernden Kasernenwänden unserer faden städtebaulichen Realität entlang. Doch hin und wieder kommt es vor, dass sich die Nebel aus zerflossenen Körpern zersetzen, um alles herum mit sich zu reißen, so scheint es. Die Assoziation mit Horrorfilmen lässt beim Betrachten seiner Fotos nicht lange auf sich warten und erinnert auch ein wenig spiritistischen Experimente um 1900. Kritischere Gedanken sind jedoch nicht ausgeschlossen. Die Fotos gestalten sich mehr als experimentell und definieren die primär die Erosion städtischer Räume, welche symbolisch für das kulturelle Vermächtnis, angelehnt an die Fremdsteuerung des Lebens stehen und dabei immer wieder in Form von undeutlichen Erinnerungen hervorbrechen. Macholowski wurde 1971 geboren und lebt noch immer in Leipzig. Die Hauptstadt rund um die Spree spiegelt er in seiner Bildserie „monster“ wider, welche die Faszination für „urban landscapes“ darstellt. Hier lautet das Motto: Bewegung zwischen Transitraum und Touristenattraktion. Der ehemalige Wirtschaftsberater zeichnet in seinen Arbeiten einen roten Faden ab, welcher sich durch alle bekannten fotografischen Serien schlängelt.

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