Interview

bdw: Herr Volz, braucht es Reportagen, um Wissenschaft gekonnt ins Bild zu setzen, oder kommt man auch mit Einzelbildern aus?

VOLZ: Aufgrund der wirtschaftlichen Zwänge tendieren Magazine inzwischen dazu, ihre Beiträge so zu gestalten, dass das Einzelbild im Vordergrund steht. Wer es schafft, alle wesentlichen Botschaften einer Geschichte in ein solches Einzelbild zu integrieren, hat natürlich das ideale Aufmacherbild für einen Artikel kreiert und die Herausforderung gemeistert.

bdw: Welche Rolle spielt der Faktor Zeit in der Wissenschaftsfotografie?

VOLZ: Je mehr Zeit investiert werden kann, desto besser ist das Resultat – so lautet die Theorie. Die Praxis lehrt etwas anderes. Die Verlage kalkulieren immer knapper. Die Qualität eines modernen Wissenschaftsfotografen zeigt sich deshalb auch darin, dass er in kürzerer Zeit Besseres leistet. Wer ernsthaft an einem Thema arbeitet, engagiert sich für einen interessanten Auftrag über die bezahlte Zeit hinaus. Schließlich macht die Arbeit in solchen Fällen ja auch richtig Spaß. Wenn man ein gutes Ergebnis erzielt, kann man das später bei anderen Foren vorzeigen – beispielsweise bei ?einem so interessanten Wettbewerb, wie es der deutsche Preis für Wissenschaftsfotografie ist.

bdw: Welche Rolle spielt die Aufgeschlossenheit der Wissenschaftler für eine gute Reportage?

VOLZ: Damit Wissenschaftler mitspielen, ist es zunächst wichtig, für ein Medium zu arbeiten, das in wissenschaftlichen Kreisen geschätzt wird. Meines Erachtens ist es aber auch wichtig, dem Forscher klar zu machen, dass der Fotograf seinem Beruf genauso ernsthaft nachgeht wie der Wissenschaftler.

bdw: Wie hat die moderne Technik, und da vor allem die Elektronik, die Profifotografie verändert?

VOLZ: Wie in allen Bereichen hat auch bei uns die Technik Einfluss auf das Ergebnis. Ganz extrem ist das bei der Mikrofotografie, also bei Aufnahmen in winzigsten Dimensionen. Wer da nicht über die notwendige technische Ausstattung verfügt, bringt kein Bild mehr an den Mann. Die elektronische Fotografie hat die Arbeit bei allen Profis stark verändert. Ehe man endgültig auf den Auslöser drückt, muss das Bild gestaltet werden. Das ist in der Wissenschaftsfotografie schon deshalb not­wendig, weil viele Institutslabors langweilig und austauschbar erscheinen. Früher musste man abwarten, bis ein Polaroid-Foto entwickelt war, um weitere gestalterische Veränderungen vornehmen zu können. Man hat deshalb oft Stunden mit Warten verbracht. Heute schaut man auf das Display und sieht das Ergebnis sofort. Das hat dazu geführt, dass inzwischen viel spontaner fotografiert wird. Darüber hinaus hat die elektronische Fotografie den Vorteil, dass man heute nicht mehr gezwungen ist, alle Situa­tionen durch eigenes Licht in Szene zu setzen. Das kann man jetzt bereits durch den Weißabgleich der Elektronik erreichen.

bdw: Die Elektronik bietet aber auch unglaubliche Möglichkeiten, Bilder zu manipulieren.

VOLZ: Die Denkweise vom Foto als authentischem Medium ist überhöht. Machen wir uns nichts vor: Seit es die Fotografie gibt, wird manipuliert. Deshalb hat man in der professionellen Fotografie schon vor einigen Jahrzehnten die subjektive Fotografie zur Qualität erhoben. In solchen Fällen tritt der Fotograf als Autor in den Vordergrund und bedient sich der Mittel, die in der Fotografie zur Verfügung stehen. Natürlich ist durch die Elektronik technisch fast alles möglich. Dennoch macht auch heute die Nähe zur Realität die Qualität des Fotografen aus. Ein bewusstes Verfälschen entspricht nicht dem Ethos des Fotografen. Ich meine, dass das Instrumentarium der elektronischen Fotografie vor allem dazu geeignet ist, die Bildwirkung präziser herausarbeiten zu können.

bdw: Seit Jahrzehnten begleiten Sie Christo und Jeanne-Claude bei der Arbeit. Profitieren Sie dabei von Ihren Erfahrungen als Wissenschafts- und Technikfotograf?

VOLZ: Diese Entwicklungen verliefen zeitgleich. Ich habe die beiden bereits während meines Fotografiestudiums 1971 kennen gelernt. Damals unternahm ich erste Gehversuche in der Wissenschaftsfotografie. Beleg dafür ist ein Preis beim Wettbewerb „Jugend fotografiert Forschung“. Grund für diese zweigleisige Karriere ist, dass ich mich sowohl auf der einen als auch auf der anderen Seite bemüht habe, Bestandteil der Materie zu werden. Bei Christo und Jeanne-Claude bin ich von Anfang an bei der Entstehung der Werke mit eigenem Input beteiligt gewesen. Das war eine wichtige Basis für die langjährige Zusammenarbeit. Eine Parallelität sehe ich in der Ernsthaftigkeit, mit der ich mich mit beiden Sujets beschäftige und in meinem Bemühen, Bestandteil beider Szenen zu sein – und nicht nur Beobachter.

bdw: Was rät der weltläufige Fotograf jungen Kollegen?

VOLZ: Das Allerwichtigste sind Engagement und Ernsthaftigkeit. Ein solcher Beruf lässt sich nicht nebenher machen. Das heißt konkret: Am Anfang muss man zu jeder Tag- und Nachtzeit bereit sein, hart zu arbeiten, in den ersten Jahren ohne Hoffnung, dass diese Arbeit groß Früchte abwirft. Die Konkurrenz ist sehr groß, nicht zuletzt, weil für viele dies einer der tollsten Beruf der Welt ist. Ein Weiteres kommt hinzu: Da jeder eine Kamera bedienen kann, muss man erst einmal unter Beweis stellen, dass man als ernsthafter Fotograf deutlich bessere Ergebnisse erzielt.

bdw: Sie haben freundlicherweise den Juryvorsitz beim deutschen Preis für Wissenschaftsfotografie übernommen. Was kann dieser Preis Ihrer Meinung nach bewirken?

VOLZ: Mich haben Preise immer wieder motiviert, in der eingeschlagenen Richtung weiterzumachen – ungeachtet des Preisgeldes.

bdw: Haben Sie Tipps?

VOLZ: Das Wichtigste ist eine eigenständige Auseinandersetzung mit der Wissenschaftsfotografie. Um bei diesem Wettbewerb ausgezeichnet zu werden, reicht es nicht, ein technisch perfektes Bild einzuschicken. Vielmehr erwartet die Jury eine Autorenarbeit, die zeigt, auf welch originelle Weise der Fotograf eine Aufgabe gelöst hat.

bdw: Welchen Stellenwert erhoffen Sie sich von diesem Preis in den nächsten Jahren?

VOLZ: Einen Preis zu gewinnen, ist schön – doch was macht man später damit? Ideal ist, wenn der oder die Ausgezeichnete dadurch in der Fachwelt so starke Beachtung findet, dass der Preis die Karriere fördert. Das wollen wir mit dem Wettbewerb erreichen.

Das Gespräch führte Wolfgang Hess